Standpunkt Stiftung

Standpunkt Stiftung: Die Zeit der Gewissheiten ist vorbei – auch im vom Ewigkeitsgedanken geprägten Stiftungssektor

von Dr. Gereon Schuch, Geschäftsführer, Deutsche Stiftungsakademie, Berlin

Die Gesellschaft verändert sich, die Welt ist im Wandel – aber das ist nichts neues, denn die Welt war nie statisch. Wir leben in der VUCA-Welt (unbeständig, unsicher, komplex, mehrdeutig) – doch die Welt war nie beständig, sicher, einfach und eindeutig. Allerdings haben Geschwindigkeit und Konsequenz ein Maß erreicht, das für die Gesellschaft zur Überforderung werden könnte – mit fatalen Konsequenzen.

Transformation in einer hochdynamischen Welt

Transformation ist das Wort der Stunde. Auch der Deutsche Stiftungstag hat sich diesem Thema angenommen. In fast allen Bereichen unseres Lebens und Handelns spüren und erfahren wir es: Die Veränderungen um uns herum haben ein solches Tempo angenommen und führen zu so weitreichenden Konsequenzen, dass es dem Einzelnen schwerfällt, den Überblick zu behalten. 

Verinnerlichte Erfahrungswerte und Glaubenssätze geraten ins Wanken – man fragt sich, ob der Wunsch manchmal der Vater des Gedankens war und die Realität überlagert hat, die man nicht wahrhaben wollte. Seit vielen Jahrzehnten setzen sich Stiftungen und viele andere Organisationen aus Überzeugung international mit großem Engagement für Verständigung und Versöhnung ein. Doch wie sieht die Welt heute aus – nicht einmal mehr in Europa ist der Friede sicher. Wie konnte das passieren?

Neues wagen – Jetzt!

Gesellschaftliche und politische Betätigung sieht sich von antidemokratischen Tendenzen bedroht. Initiativen und Projekte könnten in Gefahr geraten, wenn politische Mehrheiten sich umkehren und pluralistische Überzeugungen in die Defensive geraten. Demokratie wird plötzlich wieder zu einem riskanten, sogar gefährlichen Engagement – 75 Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik. Es steht viel auf dem Spiel! 

Stiftungen und andere gemeinnützige Organisationen sind wichtige Akteure in der Gestaltung von Transformation, sie leisten Überzeugungsarbeit in einer sich wandelnden Welt. Das bedeutet auch, Initiativen zu starten, die Neuland betreten und deren Erfolg nicht schon im Vorfeld über Erfahrungswerte abgesichert und durch Wirkungstreppen belegt ist. Stiftungen haben die Freiheit, Neues zu wagen und in vielen Fällen auch eigene Ressourcen, um schnell aktiv zu werden. 

Unsere Stimme ist wichtig!

Traditionell ist der Stiftungssektor kein lauter Sektor. Aber wir alle müssen denjenigen, die Transformation als Bedrohung instrumentalisieren und „früher war alles besser“ propagieren unsere starke Stimme entgegensetzen. Die „gute alte Zeit“ hat es nie gegeben, sie ist eine unbewusst geschaffene Wunschvorstellung, um Überforderung zu kompensieren, oder eine bewusst konstruierte Projektion, um die Gegenwart anzugreifen und umzukehren. 

Ersteres müssen wir als Gesellschaft ernst nehmen und daran arbeiten, Veränderung anschlussfähig zu machen. Aber Letzteres dürfen wir nicht zulassen, da es unser gemeinsames Fundament infrage stellt. Wir dürfen uns nicht auf die vermeintliche Gewissheit verlassen, dass auch die freiheitliche Demokratie durch den Ewigkeitsgedanken abgesichert ist.

Sie interessieren sich für die Themen Wandel, Transformation und Veränderung im Stiftungssektor? Vom 5. September bis zum 28. November 2024 bietet die Deutsche Stiftungsakademie einen Lehrgang zum Thema Change Management an: Der Online-Lehrgang „Wandel gestalten, Veränderungen moderieren“ vermittelt solides Wissen zu Change-Prozessen und gibt Hilfestellung zum Umgang mit Veränderungen in der eigenen Organisation. Weitere Infos und die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier
 

In der DSA-Rubrik "Standpunkt Stiftung" werden ausgewählte Stiftungsthemen durch Meinungsbeiträge von Vertreterinnen und Vertretern aus der Stiftungswelt beleuchtet. Weitere Standpunkte finden Sie unter "Aktuelles".